Seit letztem Herbst wird unser Trakehner Hengst Osharins Peron für die Teilnahme an Distanzwettkämpfen trainiert. Nach einem für alle überraschenden Sieg bei seiner ersten 61km MDR-Distanz steht nun sein zweiter Ritt an. Er muß beweisen, das der Sieg in Bresegard kein Zufall war...
Samstag, 19.03.11-der Tag vor dem Ritt
Die Gestütsmannschaft ist etwas verkatert, da morgens um 6 Uhr noch eine Stute gefohlt hat. Außerdem haben sich gefühlte 100 Reitschüler für den Tag angemeldet, also nix mit schlafen nach der Fohlenwache.
Perry sieht dem Treiben gelassen von seinem Paddock zu, so lange er im Mittelpunkt steht, darf jeder tun, was ihm beliebt. Judith Schillmann, seine Reiterin, ist mit Reitstunden beschäftigt.
Die Trosser packen den Wagen, ich werde diesmal mit unserer Praktikantin Sofie unterwegs sein. Da es auch für uns erst der zweite Einsatz ist, wird lieber alles dreimal gecheckt. Wasserkanister (gefüllt, man weiß ja nie), Wassereimer, Schwämme, Lappen, Sattel, Zaumzeug, alle Riemen doppelt Ersatz, Futter, Kleidung, 3 Sätze Gamaschen und Decken, Decken, Decken. Speziell für Perry packen wir seine Ohrenmützchen ein, die werden zwar gerne belächelt, sorgen bei Wind und Regen jedoch für Wohlbehagen ums Ohr. Wie immer wünsche ich mir ein größeres Auto, mein Mann bekommt aber am Ende trotzdem alles unter und sogar für Perry ist noch Platz auf dem Hänger.
Inzwischen ist der Tag weit fortgeschritten, die Schlange der Reitschüler reißt nicht ab, Perry bewegt sich selber und sollte eigentlich noch longiert werden. Um die Vesperzeit verbinden wir das Angenehme mit dem Nützlichen und setzen 2 Reitschüler für die Sitzschulungen auf Perry. Wir können ihm da völlig vertrauen, er passt auf seine Reiter auf.
Der Abend klingt beim grillen aus, wir feiern „Preußenerde“, die heute geboren wurde.
Sonntag, 20.03.11-Wettkampftag
| 1:50 Uhr | Der Wecker klingelt, ich raffe mich aus dem Bett, schalte die Kaffemaschine ein und wecke meine Mannschaft. |
| 2:15 Uhr | Wir stehen fröstelnd am Auto, ich programmiere das Navi, letzte Besprechung mit dem Team, das zu Hause bleibt |
| 2:30 Uhr | Ich parke Perry auf den Anhänger und wir rollen durch das Tor. Wir fahren in den Morgen hinein, 335km liegen vor mir, meine Leute schlafen im Auto. |
| 7:00 Uhr | Ankunft in Rickling, Sofie füttert Perry noch auf dem Anhänger, Judith und ich gehen zur Meldestelle. Einweisung in den Ritt, Startgeld bezahlen, Checkkarte abholen. Wir dürfen unsere Startzeit frei wählen und entscheiden, lieber früh loszureiten. |
| 7:15 Uhr | Wir parken den Zug am Trossplatz und bauen für Perry den mitgebrachten Paddock auf. Die Ausrüstung wird umgepackt, so dass wir alles erreichen können, Judith sattelt Perry, die beiden reiten sich warm. Sofie fährt Wasser. |
| 8:00 Uhr | Startfreigabe für 8:10 Uhr , Judith sucht eine Mitreiterin für die erste 30km-Runde, wir testen die Handys und Perrys Pulsuhr. |
| 8:10 Uhr | Perry geht mit einer netten rossigen Stute auf die Strecke, Beschlag sitzt, Wetter passt, Optimismus macht sich breit. |
| 8:15 Uhr | Wir haben an der falschen Stelle aufgebaut. Die Veranstalterin erklärt in ihrem liebenswürdigen französischen Akzent, dass wir komplett umziehen müssen. Also räumen wir den Paddock in den Hänger, parken um und bauen an der neuen Stelle alles wieder auf. Ich checke die Karte und rechne, dass Perry und Judith kurz nach 10 wieder da sein müssten. Sofie fährt Wasser. |
| 10:10 Uhr | Judith ist auf den Punkt wieder da. Checkkarte abgeben,Puls ist unter 64, wir können in die Pause. Absatteln, Wasser aufs Pferd, eindecken, Beine kühlen-Perry genießt unsere Aufmerksamkeit. Ab und zu schielt er nach den anderen Pferden, macht insgesamt keinen angestrengten Eindruck. |
| 10:30 Uhr | Tierarztcheck, Perry hat gefressen und getrunken, möchte gerne wieder etwas tun. Puls ist 42, alle Werte A, vortraben beeindruckend, die ersten bemerken, das er ein Hengst ist. Nur beim abhören ist er noch kitzelig, aber er gewöhnt sich. Wir haben Startfreigabe für 11:10Uhr. Jetzt noch alle feuchten Ausrüstungsteile tauschen, neue Gamaschen, Kaffee für Judith. Sofie fährt Wasser. |
| 11:00 Uhr | Judith sattelt Perry und trabt ihn locker, ihre Mitreiterin erscheint mit Sorge im Gesicht, die kleine Stute wird wohl nicht die ganze Strecke gehen können. Checkkarte abholen und zur Startlinie reiten. |
| 11:10 Uhr | Perry geht auf die zweite Runde, er wirkt munter, der Beschlag sitzt perfekt. Wir bereiten den Zieleinlauf vor, trennen die Schmutzwäsche, füllen Trog und Napf, legen Decken und Schwämme bereit, Sofie fährt Wasser. |
| 12:00 Uhr | Judith ruft an. Die kleine Stute hat aufgegeben, sie reitet jetzt alleine weiter. Leider hat sie jetzt auch keine Karte mehr. Perry geht es super. |
| 12:15 Uhr | Judith am Telefon, ob ich in die Karte schauen könne, sie findet die Markierungen nicht. Ich kann in etwa sehen, wo ihr Problem liegt, es ihr aber, da sie keine Karte hat, über das Telefon nicht erklären. |
| 12:30 Uhr | Judith wieder. Sie hat einen anderen Reiter getroffen, mit seiner Karte auf die Strecke zurückgefunden. Wir rechnen aus, das sie nicht vor 13:09Uhr zurück sein darf, da sie sonst aufgrund der Geschwindigkeitsbeschränkung aus der Wertung fällt. |
| 12:45 Uhr | Telefon. Judith. Sie ist irrtümlich eine Strecke falsch herum geritten, da es verschiedene Streckenführungen gibt. Wir besprechen, wo sie ist und wie das weitere Tempo gestaltet werden soll. Perrys Puls liegt konstant um die 80, er hat noch Reserven, das Tempo wird erhöht. |
| 13:00 Uhr | Ich gehe zur Ziellinie, erklimme einen Erdhügel, um weiter in die Strecke sehen zu können. Judith ruft an. Eigentlich sollte sie in 10min da sein, am Telefon klingt das aber anders. Die verrittene Strecke hat viel Zeit gekostet. Rückfrage bei mir, was können wir riskieren? Perry ist noch immer frisch, etwas gelangweilt, Puls kaum erhöht. Ich denke, zeig deinen Mut, sie soll nach Hause galoppieren, wie Perry es anbietet. |
| 13:05 Uhr | Die kleine Stute kommt ins Ziel, ich habe einen Stein im Magen, wo ist Perry? |
| 13:10 Uhr | Die errechnete Einlaufzeit verstreicht, immer mehr Reiter der kürzeren Strecke kommen ins Ziel. |
| 13:25 Uhr | Ich gebe Polen und den Ritt verloren und bete, das Judith den Hengst gesund und in der Wertung heimbringt. |
| 13:30 Uhr | Ein Araberduo kommt ins Ziel, meine Stimmung hebt sich, die waren lange vor uns gestartet! Kurz darauf erscheint Perry auf der Strecke im lockeren Galopp, Ohren gespitzt, er kann die Pferde im Lager hören und riechen. |
| 13:35 Uhr | Die letzten Meter zum Ziel, Judith gibt noch einmal kurz Gas, Perry legt willig zu und galoppiert munter seine 61km zu Ende. Deutlich anerkennende Blicke vom Veranstalter, mir fällt ein Steinbruch vom Herzen. Ich sause vom Erdhügel, Sofie hat Perry schon eine Decke übergelegt, Checkkarte abgeben. Puls ist 88, in 20min beim Tierarzt entscheidet sich seine Wertung. |
| 13:40 Uhr | Der Hengst steht abgesattelt, gekühlt und eingedeckt auf dem Paddock und lässt sich Futter und Wasser schmecken. Sofie und ich kühlen abwechselnd seine Beine, Judith muß sich erstmal setzen. |
| 13:55 Uhr | Tierarztcheck, jetzt gilt es. Perry wirkt recht aufmerksam, es gibt Lob und Anerkennung, sein Puls ist 40-wir sind zufrieden Um halb vier ist die abschließende Kontrolle. |
| 14:00 Uhr | Perry grast auf dem Paddock, Judith ist eingeschlafen, ich sortiere Ausrüstung, Sofie fährt Wasser. |
| 15:35 Uhr | Zwei Stunden nach dem Zieleinlauf die entscheidende Kontrolle. Jetzt zeigt sich, ob Perry lahm geht, eine Kolik oder Verspannungen ausgebrütet hat. Perry steht frisch geputzt, satt und zufrieden auf dem Paddock, als ich den Strick nehme, sein Blick fragt, na, wolln wir? Am Vetcheck ist einiges los, überall stehen Pferde, Menschen, es wird getrabt, gemessen… Der Puls wird mit 32 gemessen, beim traben dreht der Hengst richtig auf, er möchte den umstehenden Pferden imponieren, er besteht mit A-wir sind in der Wertung! |
| 16:30 Uhr | Wir wollen heim, warten aber noch auf die Siegerehrung, wir wollen schließlich wissen, wo im Feld sich Perry positioniert hat. Auf Nachfrage beim Veranstalter bekommen wir zu hören: “Erst gewinnen und dann nicht zur Siegerehrung kommen!“ Wir können es kaum glauben, aber aufgrund von Perrys tollen Pulswerten hat er sich an die Spitze der Wertung gesetzt! Wir bekommen die Schleife, eine Plakette und einen hübschen Pokal in Form eines Einhorns auf einem Hufeisen. Und wir versprechen, beim nächsten Einhornrennen wieder dabei zu sein. |
| 17:00 Uhr | Wir haben verladen und sind auf dem Heimweg, 335km mit der untergehenden Sonne im Rücken. Meine Mitfahrer schlafen, ich und 2l Kaffee lenken das Gespann sicher zurück auf den heimatlichen Hof |
| 22:30 Uhr | Wir fahren durch das Tor und werden von der Gestütsmannschaft herzlich begrüßt. Perry genießt die Aufmerksamkeit und den Trubel, freut sich aber am meisten auf seinen Laufstall, wo ihn seine Goldammer mit einem freundlichen Brummeln begrüßt. |
Keine Stunde später senkt sich Stille und Dunkelheit über die Elchniederung und Mensch und Tier schlafen.
Die Woche danach….
Perry hat auch seinen zweiten MDR locker verkraftet, er darf zur Abwechslung freispringen und sich viel frei bewegen. Die Waschmaschine läuft ununterbrochen, überall hängen Decken, Gamaschen und Ausrüstung zum trocknen.
Das Team tüftelt an der Ausrüstung-wir brauchen eine gute Kartentasche! Und wir planen die ersten langen Distanzen, 90km in Gartow mit internationaler Beteiligung.